Lothar Kurbjuweit wurde Olympiasieger mit der Fußballnationalmannschaft der DDR, stand mit dem FC Carl Zeiss Jena im Finale des Europapokals der Pokalsieger und wurde später sogar kurzzeitig Präsident des FCC. Vor kurzem wurde er 65 und erinnert sich im Interview an Europapokalschlachten und den 1:0-Sieg der DDR über die BRD.

Herr Kurbjuweit, Sie haben in Ihrer Karriere 357 Oberliga-Spiele gemacht und liefen 66-mal für die DDR-Nationalmannschaft auf. Beim legendären 1:0-Sieg der DDR über die BRD standen Sie in der Startelf. Wie erinnern Sie sich an das Spiel?

Auf dem Weg zum Volksparkstadion in Hamburg erfuhren wir, dass Chile und Australien kurz zuvor unentschieden spielten und wir somit bereits für die Zwischenrunde qualifiziert waren. Das hat sich schlagartig auf die Stimmung der Mannschaft übertragen. Es herrschte eine lockere Atmosphäre und wir wussten, dass uns nichts passieren konnte. Die Stimmung unter den Zuschauern war etwas aufgeheizt, aber das war uns von vornherein klar. Von den Rängen kamen „Ulbricht-Schweine“-Sprechchöre und alle erwarteten einen klaren Sieger. Die BRD war haushoher Favorit gegen ein paar einfache Arbeiter aus der DDR. Doch je länger es 0:0 stand, desto mehr konnten wir mit unserer Kraft und Ausdauer die technische Klasse eines Beckenbauers oder Overaths wettmachen. Ab einem gewissen Punkt hatten wir alle das Gefühl, dass hier heute etwas möglich sein könnte – und so kam es ja auch. Ich glaube allerdings nicht, dass wir gegen die BRD gewonnen hätten, wenn wir hätten gewinnen müssen.

Ihr Gegenspieler war damals Uli Hoeneß. Es gab die Ansage, dass die Trikots in den Kabinen getauscht werden mussten. Haben Sie sich da noch kurz unterhalten?

Auf dem Platz haben wir uns schon nicht unterhalten. Mit Abpfiff ist die westdeutsche Mannschaft auch gleich in die Kabine verschwunden. Der Trikottausch auf dem Platz war sowieso strengstens untersagt worden. Deshalb ist auch jeder seiner Wege gegangen. In den Katakomben gab es keine großen Gesten und die Trikots wurden auch nicht einzeln getauscht. Wir haben die im Wäschekorb gesammelt und in die andere Kabine gegeben und bekamen die Trikots der BRD-Elf im Wäschekorb zurück. Da habe ich mir dann das von Uli Hoeneß rausgesucht.

Gab es auch andere politische Ansagen vor der Partie?

Vor dem ganzen Turnier gab es im Trainingslager die üblichen Veranstaltungen, auf denen uns erzählt wurde, was die Endrunde für uns sportlich und politisch bedeuten würde. In der Spielvorbereitung gab es von Nationaltrainer Georg Buschner aber keine Ansagen in diese Richtung. Der hat das Politische immer ausgespart und uns auch von irgendwelchen Funktionären abgeschirmt. Die hätten sich in dieser Situation wahrscheinlich eh nicht getraut, irgendwelche Dinge zu fordern oder irgendeinen Blödsinn über den vermeintlichen Klassenfeind zu erzählen.

Im Gegensatz zur Presse in der BRD wurde dem Ergebnis in der DDR erstaunlich wenig Bedeutung zugemessen und auch Georg Buschner sprach „vom einem wichtigen Sieg, mehr nicht“. Wie sah es in der Mannschaft danach aus?

Wir haben uns natürlich gefreut und den Sieg ordentlich begossen. Aber wir wussten auch über die Stimmungslage in der DDR genau Bescheid und dass uns von den 16 Millionen DDR-Bürgern nicht allzu viele die Daumen gedrückt hatten. Mit gewissem Abstand muss ich sogar sagen, dass uns der Sieg in Summe nicht gut tat.

Wie meinen Sie das?

In der Zwischenrunde erwischten wir als Gruppenerster die viel schwereren Lose. Gegen Brasilien verloren wir unglücklich und Holland war einfach eine Nummer zu groß für uns. Davon abgesehen: wir haben es selbst aus der Hand gegeben. Mit dem Sieg gegen die BRD war in den Köpfen vieler das Turnier vorzeitig beendet. Wir hatten mit dem Einzug in die Zwischenrunde unser Ziel erreicht und als I-Tüpfelchen noch die BRD geschlagen. Plötzlich war die ganze Spannung, Konzentration und auch der positive Druck weg. Alles wurde auf einmal legerer gehandhabt. Ich denke, dass für uns sogar mehr drin gewesen wäre. Bei den guten Spielern in unseren Reihen hätten wir vielleicht sogar um den dritten Platz mitspielen können. Deshalb tut mir die sportliche Ausbeute der WM ’74 im Nachgang eigentlich weh.

Im Gegensatz dazu sagen ja viele, dass gerade die Niederlage gegen die DDR den WM-Titel für die BRD erst ermöglicht hat.

Hintenraus haben sie alles richtig gemacht: es wurde Tacheles geredet, es hat ordentlich gekracht und die Mannschaft wurde komplett umgestellt. Etwas besseres als der Niederlage gegen uns hätte der BRD vielleicht gar nicht passieren können. Franz Beckenbauer bedankt sich immer noch bei uns, weil die BRD ohne dieses Spiel nie Weltmeister geworden wäre, wie er sagt.

Bis heute erinnert eine Plakette in Montreal an den Olympiasieg der Nationalmannschaft der DDR (Urheber: lt_paris auf Flickr unter Lizenz CC BY-NC-ND 2.0)

Bis heute erinnert eine Plakette in Montreal an den Olympiasieg der Nationalmannschaft der DDR (Urheber: lt_paris auf Flickr unter Lizenz CC BY-NC-ND 2.0)

Zwei Jahre später holten Sie dann in Montreal olympisches Gold. Haben Sie aus diesem Turnier gelernt?

Unser Auftreten bei den Olympischen Spielen war dann ein ganz anderes. Wir hatten eine richtig gute Mannschaft. Im Finale schlugen wir Polen mit 3:1, die fast mit der gleichen Truppe aufliefen wie zwei Jahre zuvor bei der WM. Mit dem Kader hätten die eigentlich auch ins WM-Finale ’74 einziehen können. Wer weiß, vielleicht hätten sie sogar das Zeug zum Weltmeister gehabt. Das ganze Turnier hatte eine ungeheuer hohe sportliche Qualität. Die ganzen Ostblock-Staaten spielten mit ihren kompletten A-Mannschaften. Die Sowjetunion war bärenstark, genau wie die Tschechen, die im gleichen Jahr Europameister wurden. Deshalb bewerte ich die Goldmedaille auch bis heute noch als meinen größten Triumph als Spieler.

Vielen sind Sie vor allem noch als Spieler des FC Carl Zeiss Jena in Erinnerung geblieben, für den Sie über 300-mal aufliefen. Gibt es ein Spiel aus dieser Zeit, das für Sie herausragt?

Das war das 4:0 zuhause gegen den AS Rom in der ersten Runde des Europokals der Pokalsieger 1980. Das Hinspiel verloren wir 3:0, wobei das Ergebnis brutaler war als der eigentliche Spielverlauf. Absolut niemand hat mehr an irgendwas geglaubt. Dann entwickelte sich das Spiel, wir führten zur Halbzeit 2:0 gegen den AS Rom in Topbesetzung. Da mussten wir uns erstmal kurz zwicken. Die Zuschauer merkten, das da noch was gehen könnte und wir haben es auch gemerkt. Das war ein Ausnahmespiel und hat bis heute noch einen hohen Stellenwert in Jena. Ich hab es mir im Nachhinein noch des Öfteren angeschaut. Das letzte Mal erst vor ein paar Wochen.

In der nächsten Runde schlugen Sie Valencia und im Viertelfinale kamen Sie mit Ach und Krach gegen den Walisischen Drittligisten AFC Newport weiter. Wie kann man sich das heute erklären?

Wir haben vor dem Spiel erfahren, dass die Waliser am Abend zuvor noch in Gera ausgiebig den Fasching begossen hatten. Dann waren die auch noch Drittligist und wir haben sie wohl nicht für voll genommen. Wir holten mit viel Glück im Hinspiel zuhause ein 2:2. Und dann das Rückspiel erst. Da braucht man eine Steigerungsform für Glück, um zu erklären, was da passiert ist. Einfach unglaublich. Normalerweise hätten wir 6:0 verlieren müssen und bringen mit Hängen und Würgen und einem überragenden Torwart Hans-Ulrich Grapenthin ein 1:0 durch. Danach haben wir uns alle nur ungläubig angeschaut und gedacht, dass wir soviel Dusel in diesen beiden Partien hatten, dass wir eigentlich in den darauffolgenden drei Jahren kein Spiel mehr hätten gewinnen dürfen. Und wahrscheinlich fiel uns das gerechterweise im Finale gegen Dynamo Tiflis auf die Füße.

Schmerzt die knappe Niederlage im Finale des Europapokals der Pokalsieger 1981 immer noch?

Man muss zugeben, dass Dynamo Tiflis eine starke Mannschaft hatte. Da spielten alleine fünf Nationalspieler der Sowjetunion. Wir hatten sie am Rande der Niederlage und bekommen noch zwei späte Gegentore. Viele haben uns auf die Schultern geklopft, da kaum jemand dachte, dass wir es überhaupt ins Finale schaffen würden, aber die Enttäuschung überwiegt natürlich alles – bis heute.

Ein paar Jahre später wurden Sie erst Trainer von FC Carl Zeiss und kurz darauf ausgerechnet beim Lokalrivalen Rot-Weiß Erfurt, wo Sie auch von der Wende überrascht wurden. Wie erlebten Sie die Zeit?

Die Rivalität wurde und wird mehr auf den Rängen als auf dem Platz gelebt. Schon als Spieler hatten wir gute Kontakte zwischen beiden Vereinen. Und Hans Meyer hatte diesen Schritt von Jena zu Erfurt schon vor mir vollzogen. Am 1. Januar 1990 übernahm ich Erfurt in einem schlimmen Zustand. Mit viel Pech wurden wir dann nur Dritter und verpassten die Qualifikation für die Bundesliga. Dann hieß es 2. Bundesliga für uns und ich muss selbstkritisch sagen, dass ich das Niveau dort total unterschätzt habe. Es passierte, was passieren musste. Erfurt stieg ab und ich konnte meinen Traum begraben, als Trainer auch im übrigen Bundesgebiet Fuß zu fassen.

War diese Fehleinschätzung der eigenen Bedeutung, sei es als Trainer oder Verein, auch ein Grund dafür, dass die alten Oberliga-Vereine im großen Fußball heute keine tragende Rolle mehr spielen?

Das Ergebnis nach 25 Jahren Einheit ist ja relativ eindeutig und vernichtend, wenn man durch die Ligen anschaut. Das wirtschaftliche Umfeld gibt in vielen Regionen nicht mehr her. Wenn man dann aus den Geldtöpfen der DFL fällt, weil es sportlich mal zwei, drei Jahre nicht läuft und Sponsoren das nicht auffangen können, dann war’s das meistens. Aber um ehrlich zu sein, hatte ich damals keine Ahnung, dass es so kommen würde. Es war ein Lernprozess. Ich dachte auch, dass ich Angebote aus dem Westen als Trainer erhalten würde. Doch da kam nichts, weil mich ja auch niemand kannte. In der DDR war man Jemand, aber für den Rest der Republik einfach nur ein Unbekannter. Wir haben in dem Glauben gelebt, dass nicht nur die Spieler geholt werden würden, sondern auch die Trainer. Ich musste erstmal lernen, dass niemand auf mich wartet.

Hans Meyer holte Sie später als Scout zum 1. FC Nürnberg, aber eigentlich waren Sie immer dem FC Carl Zeiss verbunden. Alle Ämter, die Sie dort bekleideten, waren Sie allerdings schnell wieder los. Warum?

Meine Zeit als Präsident des FCC Mitte der 90er war so ziemlich das Schlimmste, was ich bisher erlebt habe. Plötzlich musste man sich mit Morddrohungen auseinander setzen. Das war mir zu viel. 2005 holte mich Hans Meyer nach Nürnberg, wofür ich ihm sehr dankbar bin. 2010 kam das Angebot als Sportlicher Leiter nach Jena zurückzukehren. Das ist mein Club. Da musste ich nicht lange überlegen. Die Erfolge hielten sich dann arg in Grenzen, muss ich zugeben. Ich trenne aber strikt zwischen dem Verein und den handelnden Personen. Der Verein kann nichts dafür und mit den Menschen ist es mal besser, mal schlechter. In den letzten Jahren hat halt wenig gepasst. Interimstrainer wurde ich auch oft nur, weil ich lange der einzige im Verein mit einer Fußballlehrerlizenz war. Bei meinem letzten Einsatz als Interimstrainer haben wir noch mit einem 5:0 gegen Rot-Weiß Erfurt den Thüringenpokal geholt. Ich hatte mich danach innerlich schon auf die Rente eingestellt, als vom Verein die Anfrage kam, ob ich nicht noch einmal Cheftrainer werden wolle. Dass man mich dann aber nach den ersten drei Spielen wieder vor die Tür setzt [Anm.: Kurbjuweit holte zwei Punkte], ärgert mich bis heute.

Wann geht es für Sie in den wohlverdienten Ruhestand?

Ich erfülle noch mein zweites Vertragsjahr als Scout des FC Carl Zeiss. Das mache ich gerne. Ich komme wieder auf Fußballplätze. Ich komme wieder mit Leuten in Kontakt, die auch Interesse an Fußball haben. Dieses letzte Jahr genieße ich und dann war’s das für mich.

 

Das Interview erschien in gekürzter Form am 07.11.2015 in der Berliner Zeitung.
Das Titelbild zeigt die DDR-U21 mit Lothar Kurbjuweit vor dem Spiel gegen die Sowjetunion in Rostock. (Foto: Bundesarchiv, Bild 183-W0606-0338 / CC BY-SA 3.0 DE / Fotograf: Reinhold Kaufmann)

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